Je älter man wird, desto schwieriger werden Freundschaften.
Während man mit 6 hingehen und sagen kann: „Du magst auch Ponys? Willst Du meine Freundin sein?” ist das mit 60 deutlich schwieriger. Startet man ins Erwachsenenleben mit einer großen Gruppe von Freundinnen, scheint man sie eher über die Jahre zu verlieren als neue hinzuzugewinnen. Neue Jobs, neue Städte, neue Familiensituationen sind die üblichen Gründe – und dazu kommt, dass die Situationen, in denen man neue Freundinnen gewinnen könnte, eher ab- als zunehmen, denn die soziale Mobilität sinkt im Alter eher. Und schließlich lebt man sich einfach auseinander, Gemeinsamkeiten nehmen ab, nachdem sich Lebensumstände unterschiedlich entwickeln, und die eigenen Prioritäten ändern sich. So mit meiner Freundin Francesca zum Beispiel, mit der ich in Shanghai fast jeden Tag etwas unternommen habe – nach unserer Rückkehr, meiner nach Deutschland, ihrer nach Italien, gab es schlicht keine Gemeinsamkeiten mehr, und der Kontakt schlief ein.
Studien bestätigen das, denn in einer Erfassung des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) 2020 geben 14% der Altersgruppe zwischen 46 und 90 an, einsam zu sein. Dabei scheint es ein Widerspruch zu sein, dass gleichzeitig für die meisten Menschen in Deutschland Freundinnen wichtiger als Familie oder Partnerschaft sind. (Zahlen des Ifd Allensbach 2022: 84,5% geben an, dass ‚gute Freunde‘ wichtiger im Leben sind als Familie mit 80,8% und Partnerschaft mit 74,1%, Link)
Der Donnerstagsmordclub – und das wichtigste sind die Freundschaften, die man schließt

Der Krimi von Richard Osman (inzwischen von Netflix starbesetzt verfilmt) ist auf den ersten Blick eine nette, lustige Geschichte von vier Seniorinnen, die mehrere Mordfälle lösen. Bei einem tieferen Blick zeigen sich die ernsten Fundamente des Romans: Joyce, die Erzählerin, kommt in die Seniorenresidenz, weil sie zunehmend vereinsamt – nachdem ihr Mann gestorben ist, sind nun auch ihre drei engsten Freundinnen tot. Elizabeth, die zupackende Ex-Agentin, kann der Realität der Demenzerkrankung ihres geliebten Mannes nur schwer ins Auge sehen und verliert sich in ungelösten Fällen. Ron, der Ex-Gewerkschaftler, sucht jeden Konflikt, um sich wieder wie der jugendliche Agitator zu fühlen, und der ehemalige Psychologe Ibrahim lebt inmitten seiner Patientenakten und der Vergangenheit.
Während für Joyce Freundschaft Kuchenbacken und unerschütterliche Loyalität heißt, ist es doch Elizabeth, die ein echtes Talent dafür hat, unterschiedliche Menschen zusammenzubringen – natürlich zuerst ostentativ für den Club. Hätte die intelligente Elizabeth vorhersehen können, dass der Club viel mehr für alle vier bedeuten wird, als alte, ungelöste (und neue) Mordfälle zu lösen? Wer weiß.
Warum Einsamkeit nicht nur für die Psyche schlecht ist
Die vier schaffen jedoch etwas erstaunliches: nahezu mühelos im Alter neue Freundschaften zu schließen. Obwohl Freundschaften fast allen Menschen extrem wichtig sind, sind sie trotzdem mit zunehmendem Alter schwierig: sowohl sie zu halten, als auch neue Freundschaften zu gewinnen. Das liegt unter anderem daran, dass mit zunehmender Zeitnot in den 30ern Menschen sich meist darauf konzentrieren, alte Freundschaften aufrechtzuerhalten, statt sich Zeit zu nehmen, neue zu schließen. Das Freundschaftskonto nimmt also eher ab als zu.
Ein Drittel aller Menschen über 50 gibt schließlich an, keine richtig guten Freundinnen zu haben (Jacobs Studie von 2014, Allensbach). Das Problem: Einsamkeit fördert nicht nur psychische Probleme wie Depressionen, sondern auch körperliche Beeinträchtigungen. Eine Metaanalyse zu ‚Social Relationships and Mortality Risk‘ (Link) erkannte schon 2010, dass Menschen mit einem ausreichend großen sozialem Netz länger lebten. Dabei wurde erkannt, dass ein funktionierendes soziales Netz genau so effektiv für die Gesundheit ist wie der Verzicht von Zigaretten.
Inzwischen weiß man, dass Einsamkeit chronischen Stress auslösen kann, der auf Dauer die Gesundheit beeinträchtigt. Freundschaften sind im Umkehrschluss gut für das Immunsystem – Eva Peters (Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Gießen, Link) sagt dazu: „Bei einsamen Menschen treten viele Erkrankungen häufiger auf, zum Beispiel Bluthochdruck oder Krebserkrankungen.“ Vermutlich lässt sich das auf einen hohen Cortisol-Wert zurückführen, der durch Stress entsteht. Zudem sinkt bei ausreichenden sozialen Kontakten sogar das Demenzrisiko (Link). Schaut man sich weitere Studien zu Longevity an, wird klar, dass Freundschaften mehr Einfluss auf ein langes Leben haben als Ernährung, Sport, oder sogar Gene. Soziale Netze verlängern dabei nicht nur die Lebenszeit, sondern auch die Lebensqualität, denn sie erhöhen Flexibilität, Zugehörigkeit, Sicherheit und Bindung.
Was sind soziale Netze?
Soziale Netzwerke bestehen nicht nur aus Freundschaften, sondern aus vielerlei zwischenmenschlichen Beziehungen. Partnerinnen, Familie, Freundinnen und Nachbarinnen sind darin enthalten, aber auch Bekannte, die man mehr oder minder bei der Ausübung von Hobbies trifft. Dazu kommen noch Ansprechpartnerinnen im Bereich Gesundheit und Unterstützende, z.B. im Haushalt. Besonders eher introvertierte Menschen werden vermutlich froh sein zu hören, dass sie nicht der Mittelpunkt der Party sein müssen, um gesund älter zu werden. Nein, da reichen durchaus soziale Kontakte, die man jeden Tag hat. Worauf es ankommt ist, was diese sozialen Kontakte einem geben. Die wichtigsten Bereiche sind dabei emotionale und logistische Unterstützung, gesundheitsfördernde Gewohnheiten und geistige Anregung.
Emotionale Unterstützung kommt dabei meistens aus dem ‚inneren Kreis‘ – unseren engsten Freundinnen und Familienmitgliedern. Ähnlich ist es bei der logistischen Unterstützung – wen kann man mitten in der Nacht anrufen, weil etwas außergewöhnliches passiert ist, und wer ist bereit, einen um fünf Uhr morgens zum Flughafen zu fahren oder für einen einzukaufen, weil man krank geworden ist?
Hat man eine nette Gruppe gefunden, mit der man Sport macht, ist es meist einfacher, Sport zu einer automatischen Gewohnheit werden zu lassen. Freundinnen, Partnerinnen oder soziales Umfeld sind auch Menschen, die einen (auf nette Weise) zur Rechenschaft ziehen, wenn wir uns ungesund verhalten. Und schließlich empfehlen Expertinnen, geistige Anregung außerhalb unseres innersten sozialen Netzes zu suchen. Das liegt daran, dass es uns mehr fordert, mit Menschen außerhalb unserer ‚Bubble‘ zu kommunizieren.
Ich bin einsam – was nun?
Selbst wenn man introvertiert ist und gerne wie Ibrahim aus dem Donnerstagmordclub allein in seiner Wohnung liest, ist die Lösung nicht, in der Wohnung zu bleiben. Es geht darum, soziale Kontakte in einem Kontext zu finden, in dem man sich wohlfühlt. Nicht jeder muss einen Bekannten- und Freundeskreis wie Elizabeth haben, die sicherlich mehrere Adressbücher füllen kann. Nein, es reicht durchaus, sich wie Joyce einmal in der Woche in einen Club einzubringen, oder mit der Besitzerin des Cafés zu plaudern, in dem man immer Pause macht.
Eine Tätigkeit zu finden, die einem Freude macht (Sprachen lernen, singen, Sport, Bücher lesen, kochen usw.) und die in einer Gruppe Gleichgesinnter ausüben, kann ein guter Anfang sein. Apps wie Meet5 geben auch gute Möglichkeiten, um z.B. in einer Gruppe die eigene Stadt zu erkunden. Und warum nicht einfach eine alte Freundin zu kontaktieren, zu der der Kontakt eingeschlafen ist? Der Schlüssel ist, das zu tun, das einem gut tut.
Man muss ja nicht gleich in einem Club ungelöste Mordfälle verfolgen – aber wenn Ihr das tut, könnt Ihr mir bitte davon erzählen?

Dorit Kobusch-Balk war Redakteurin für medizinische Fachzeitschriften, außerdem tätig in PR und zehn Jahre als Beautybloggerin. Verheiratet, hat in England und China gelebt, reist leidenschaftlich und macht sich gern die Hände schmutzig (gärtnern, backen, töpfern).

