Frühjahrskollektion

Irgendwie leben wir in einer Zeit, in der sich ein Haufen Leute zurückzusehnen scheint in eine Zeit, in der in ihrer Vorstellung alles besser war, die klassischen Rollenbilder noch galten, Männer das Sagen hatten und die Wirtschaft boomte. Also irgendwie in die Zeit des westdeutschen „Wirtschaftswunders“.
Das so wundersam gar nicht war. Und gerade Frauen dürfte das blanke Grausen packen, wenn sie an die damals noch als normal geltenden Rollenbilder denken. Und an den langen Schatten des deutschen Faschismus, der mit den patriarchalischen Männerbildern immer aufs Engste verquickt war. Genau darum geht es in Christine Koschmieders neuem Roman.
Auf geht es in eine völlig falsch verklärte Zeit. Es sind die Jahre 1963 bis 1965, die die Autorin hier wieder aufleben lässt. Mit der patenten Lilo Kowatz als Hauptfigur, die nach Erfolgen als Modedesignerin für das „kleine Schwarze“ nun mit einer neuen Bademodenkollektion Erfolg haben möchte. Ihr Mann Harry hat, nachdem er jahrelang Touren für die deutsche Kriegsgräberfürsorge organisiert hatte, einen neuen Job beim Neckermann-Konzern gefunden. Aber beide haben eine dunkle Vorgeschichte, über die sie eigentlich nicht reden wollen.
Es ist die Zeit, in der endlich die Auschwitz-Prozesse in Gang kommen und einige wenige der hauptverantwortlichen Täter nun doch noch für ihre Taten in der Nazi-Zeit zur Verantwortung gezogen wurden. Und damit auch endlich einige der alten Verstrickungen publik wurden – auch etliche jener Leute betreffend, die geradezu zu Ikonen des „Wirtschaftswunders“ wurden.
Ich fand das Buch ungemein spannend, weil beim Lesen so klar wird, warum es nicht den mindesten Grund gibt, die Zeit um mein Geburtsjahr so zu romantisieren – gerade für Frauen war das eine schlimme Zeit. Wir wollen nicht vergessen, dass bis 1971 der Ehemann das Recht hatte, den Arbeitsvertrag seiner Frau jederzeit begründungslos zu kündigen, von einem Tag auf den anderen.
Pi mal Daumen

Alina Bronskys liebenswerte Geschichte handelt von Moni, die mit Anfang 50 nochmal Mathe studieren will und im Hörsaal auf den kontaktscheuen Oscar trifft – eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht.
Moni versorgt ihren übellaunigen Mann, kümmert sich um ihre überforderte Tochter, ihre drei Enkel und arbeitet abends in einem Hotel. Für Kindergummistiefel, Feuchttücher, Gemüse schleppt sie eine blaue IKEA-Tasche mit sich rum. Mit dieser raschelnden Tasche betritt sie auch den Mathe-Hörsaal, zum ersten Mal, und setzt sich neben Oscar, einen erst 16-jährigen Studenten mit ausgeprägter Mathe-Begabung.
Er ist der Ich-Erzähler, der Moni in ihrer Bluse im Leoparden-Look für eine Frau aus der Kantine hält. Als sie beginnt mitzuschreiben, kann er sich nicht mehr konzentrieren: „Sie schrieb langsam, konzentriert, mit großen runden Buchstaben. Niemand würde es in diesem Tempo durchhalten. Mathematiker schrieben klein, schnell und unleserlich. Ich trainierte es seit der fünften Klasse“ (Zitat).
Oscar seinerseits ist vom ersten Semester elektrisiert. Seine wohlhabenden Eltern haben alle denkbaren Hindernisse aus dem Weg geräumt und ihm eine Wohnung in Uni-Nähe eingerichtet und Betreuung für ihn organisiert. Jetzt muss er nur noch seinem Idol Daniel Johannsen begegnen – das ist der Professor, den er bewundert: „Ich wollte schnellstmöglich mit ihm ins Gespräch kommen und ihn um ein Thema für meine Bachelorarbeit bitten, idealerweise einen Baustein seiner Forschung, den er mir überlassen würde, um unsere Namen für immer miteinander zu verknüpfen.“ (Zitat).
Etwas herablassend bietet Oscar an, die Hausaufgaben auch für Moni abzugeben. Sie wird sowieso bald aufgeben, da ist er sich sicher. Einmal begleitet er sie in die Mensa, obwohl er sich vor Menschenansammlungen ekelt, besonders vor nackten Oberarmen im Sommer. Aber einen Kamillentee lang wird er es aushalten. Er kann nicht fassen, dass ein Professor sich zu ihnen setzt und in dessen Schlepptau auch noch Daniel Johannsen. Wie sich herausstellt, kennt Moni ihn. Seit wann und woher, rückt sie nicht raus.
Alina Bronsky hält in dieser Geschichte einiges in der Schwebe. Lange erfahren wir nicht, warum Moni ihrer Familie verheimlicht, dass sie studiert. Als ihr Mann ausrastet, kommt sie erstmal bei Oscar unter. Zum ersten Mal kann sie ungestört lernen, sie steigert sich in Aufgaben und Lösungswege hinein. Oscar hat es wegen seiner autistischen Züge auch nicht leicht. Aber gerade seine Perspektive auf den Fachbereich macht die Lektüre unterhaltsam: Es befremdet ihn wenig, dass ein Professor sich Glöckchen in den Bart geflochten hat. Oder ein anderer seine Einkäufe so zusammenstellt, dass er an der Kasse immer exakt 3,14 Euro zurückbekommt.
Der Roman ist kein Erfolgsroman, es geschehen keine großen Dinge (aus dem kontaktgestörten Oscar wird kein soziales Wesen, Moni avanciert nicht zur Spitzenforscherin). Vielmehr passiert etwas viel Wichtigeres: Beide (und mit ihnen die Leserinnen) erkennen, worauf es wirklich ankommt: Dass man Menschen findet, mit denen man gerne zusammen ist und sich gut versteht.
Bergleuchten

Ein Buch aus den Bergen im neunzehnten Jahrhundert. Das Tor zum Süden. Göschenen, 1872: Helene begleitet ihren Vater, einen Fuhrunternehmer oft auf seinen Fahrten über den gefährlichen Gotthardpass. Als ein Tunnel durch den Berg gebaut werden soll, fürchten die Fuhrhalter um ihre Existenz, die Bergarbeiter aus Italien sind Anfeindungen ausgesetzt. Genauso war es in der früheren Zeit, als die Passstraße gebaut wurde und die Maultiertreiber um ihre Existenz fürchteten, weil ja jetzt Gespanne über den Pass würden fahren können.
Auch wenn ihre Eltern dem Mineur Piero ein Zimmer auf ihrem Hof anbieten, weiß Helene, dass sie eine Verbindung zu dem temperamentvollen Italiener niemals billigen würden und heiratet den „Richtigen“, einen Jugendfreund. Die Autorin schildert detailreich und außergewöhnlich spannend das Jahrhundertprojekt des Tunnels und seine Realisierung sowie die damaligen Lebensumstände. Und – pssst – es gibt ein überraschendes Ende!!
Janne ist seit ihrer Kindheit eine begeisterte Leserin und teilt gerne mit anderen, was ihr gefallen hat. Lesen ermöglicht uns, andere Welten zu erleben und Neues zu entdecken.

