Haarausfall – Was!? Warum? Und jetzt?!

Dorit leidet seit 2023 unter Haarausfall und sucht seitdem nach Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten. Und das ist schwierig, hat aber dazu geführt, dass sie weit mehr über das Thema weiß, als sie je wissen wollte. Wovon ihr jetzt profitieren könnt.

Von Dorit Kobusch-Balk

Es soll Menschen geben, die gut mit körperlichen Veränderungen umgehen können, die im Laufe des Lebens zunehmen. Ich habe absichtlich nicht ‚Alterserscheinungen‘ geschrieben, denn Falten? Geschenkt. Graue Haare? Mir doch egal. Keine nennenswerte Taille mehr? Ja nun. Aber Arthrose? Das schmerzt. (Wortwörtlich.) Und merkwürdigerweise ist bei mir auch Haarausfall etwas, das mich weit mehr beschäftigt als ein paar Falten im Gesicht. Vielleicht, weil meine Haare in die Kategorie von Dingen fallen, die ich für selbstverständlich gehalten habe – bis sie anfingen, auszufallen – vielleicht, weil die langen, lila Haare so lange Zeit ich waren, dass ich nun rätsle, wer das ist, die mich da im Spiegel anguckt. Wir müssen uns erst kennenlernen.

Anmerkung vorweg: wir geben hier keine medizinischen Ratschläge, da uns die passende Ausbildung fehlt. Die unten stehenden Informationen haben wir sorgfältig bei Expertinnen gesammelt. Im Zweifel empfehlen wir qualifizierten medizinischen Rat zu suchen.

Arten des Haarausfalls

Von Haarausfall spricht man generell, wenn mehr als 100 Haare pro Tag ausfallen, wobei die Zahl dehnbar ist: wenn man nicht jeden Tag die Haare wäscht, dürfen es an Waschtagen auch mal 250 Haare sein. 

Androgenetischer Haarausfall (Alopezie)

Das ist anlagebedingter, d.h. genetisch vererbter Haarausfall. Der Grund ist der Einfluss männlicher Geschlechtshormone, und ungefähr sind davon weltweit 80% der Männer und 40-50% der Frauen betroffen. Bei Männern entstehen generell zunächst Geheimratsecken und dann eine Lichtung des Tonsurbereichs, während sich bei Frauen der Scheitelbereich ausdünnt. Bei Frauen liegt der Beginn von androgenetischer Alopezie meistens nach der Menopause. Helfen können in extremen Fällen Haartransplantationen, aber auch Medikamente wie Minoxidil (siehe Info unten). Außerdem kann man zu weiteren, nicht gut-erforschten Medikamenten greifen, bei denen die Möglichkeit besteht, dass sie helfen könnten: Haarwasser mit Alfatradiol (17α-Estradiol) sollen das männlichen Hormons Dihydrotestosteron (DHT) in der Kopfhaut schwächen. Ähnliche Wirkung soll Haarwasser mit Melatonin haben.

Kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata)

Diese runden, kahlen Stellen können am gesamten Kopf auftreten und gehen auf eine Autoimmunreaktion zurück. Häufig wachsen die Haare von allein nach, oder man greift auf Kortison zurück. Kreisrunder Haarausfall kann allerdings immer wieder auftreten.

Diffuser Haarausfall (diffuse Alopezie)

So diffus wie der Haarausfall selbst (das heißt über den gesamten Kopf verteilt) können auch die Gründe dafür sein. Die gute Nachricht ist, dass diffuser Haarausfall durchaus reversibel ist, sofern man die Ursache entdeckt. Das Schlechte ist, dass man die Ursache entdecken muss, und die sind vielfältig: Infektionen, Kopfhauterkrankungen, Lupus, Stress, Medikamente oder einseitige Ernährung. Auch Stoffwechselerkrankungen und Geschlechtskrankheiten können der Grund sein. 

Was tun?

Das Internet ist bei Haarausfall so hilfreich wie ein Nudelholz bei Schlafstörungen, d.h. begrenzt: viele Empfehlungen sind Mist und Geldmache. Haarausfall kann einen erstaunlich hohen Leidensdruck erzeugen und dazu extremst schwierig zu behandeln sein. Daher gibt es viele, viele Menschen, die bereit sind, viel Geld auszugeben, weil das Internet ihnen Heilung oder Linderung verspricht, während Ärztinnen das nur begrenzt können. Meistens sind das Mittel, die im besten Fall wirkungslos und im schlimmsten schädlich sind. Bevor man alle möglichen Nahrungsergänzungsmittel und Tinkturen bestellt, sollte man unbedingt bei der Ärztin ein großes Blutbild machen und Eisen-, Vitamin-D, B-Vitamine und Schilddrüsenwerte überprüfen lassen. Andere Parameter sollten nach Absprache mit der Ärztin geprüft werden, z.B. ist es möglich, bei einer Endokrinologin den Hormonstatus überprüfen zu lassen, um herauszufinden, ob der eigene Haarausfall mit den Wechseljahren zu tun hat. 

Ein Trichogramm kann helfen, herauszufinden, an welcher Form des Haarausfalls man leidet. 

Was kann ich selbst tun?

Tipp 1: Sich nicht von Werbeversprechen blenden lassen. 

Die wichtige Zeit im Haarwachszyklus ist die Telogenphase, die Ruhephase, die etwa zwei bis vier Monate dauert. Das Haar ist nicht mehr fest verankert und wird durch das darunter entstehende neue Haar schließlich aus dem Follikel gestoßen und fällt aus. Wenn diese Phase verkürzt ist, leidet man an Haarausfall. Daher sind die letzten drei Monate bei der Diagnose und Behandlung entscheidend, denn gefragt wird, was vor drei Monaten passiert ist.

 Genauso entscheidend sind diese drei Monate bei der Behandlung, denn um zu sehen, ob ein Mittel anschlägt, muss man mindestens drei Monate warten. Deswegen schlagen alle meine Alarmglocken an, wenn ich Erfahrungsberichte über Produkte lese, in denen Menschen von sofortigen, durchschlagenden Erfolgen berichten, denn die haben meistens überhaupt nichts mit der Wirksamkeit des Produkts zu tun. 

Tipp 2: Nicht die Nerven verlieren.

Eine gute Friseurin ist Gold wert, und nicht nur in Bezug auf den Haarschnitt. Astrid Gaye, Friseurmeisterin und Inhaberin von M2 Hair Culture (Frankfurt) sagt: ‚Fast alle Frauen, die zu mir kommen, haben Angst davor, wohin die Reise gehen wird! Haarausfall ist ein großer Einschnitt. Aber: die Nerven behalten, beobachten und dann schauen, was man mit hilfe des Schnitts optimieren kann. Das muss nicht immer radikal sein.‘

Ein guter, volumengebender Schnitt ist das A und O. Zusätzlich kann man mit Farbe arbeiten (bleichen und Dauerwellen sind allerdings keine guten Ideen, da sie das Haar zusätzlich strapazieren). 

Für viele Frauen ist Haarausfall deswegen so besorgniserregend, weil man einen Kontrollverlust erlebt. Daher ist es besonders verständlich, wenn Frauen sich durch das Anwenden von allen Mitteln, die es so gibt, wieder das Gefühl der Selbstbestimmung zurückzuerobern. Auch bei Extensions und Perücken gilt: unbedingt erst mit einer guten Fachfrau besprechen (Perücken können auch von der Krankenkasse evtl. bezuschusst werden).

Tipp 3: Viele Behandlungen versprechen viel, sind jedoch nicht erforscht.

Man kann wahre Unsummen an Geld aufwenden, um zu versuchen Haarverlust zu stoppen. Bei den meisten Behandlungen und Therapien ist jedoch nicht klar, ob sie wirken werden, denn es gibt keine aussagekräftigen Studien. Rotlicht-LED-‚Helme’ für den gesamten Kopf kosten um 800€ und die Wirkung ist in keinster Weise gesichert. PRP-Behandlungen (Eigenblutbehandlungen, bei denen Blut in die Kopfhaut injiziert wird) fangen bei 300€ an, und es werden mehrere Sitzungen benötigt. PRP-Behandlungen haben in etwa eine Erfolgsaussicht von etwa 50%. Daher: Ich bin sehr skeptisch bei Reviews besonders teurer Behandlungen, deren Fazit ist ‚Ich habe alles versucht, bis ich diese, tausende Euro teure Behandlung getestet habe, und das hat geholfen.’ 

Tipp 4: Haare gut behandeln!

Bei Haarausfall rechnet es sich besonders, seine eigenen Haare so gut zu behandeln, wie es nur irgendwie geht. Das Ziel ist zu vermeiden, dass Haare brüchig werden. Pflege, Pflege, Pflege ist hier das Zauberwort. (Auch die Pflege der Kopfhaut ist wichtig!) Spülung und Masken sind das Minimum, ich benutze auch ein wöchentliches Kopfhautpeeling, und beachte beim Haartrocknen, dass ich das möglichst schonend tue. 

Tipp 5: Tricksen ist erlaubt.

Es gibt einige Seren auf dem Markt, die voller AUSSEHENDES Haar versprechen – mehr Haar kann man davon nicht erwarten, aber ein zusätzliches Volumen ist nicht zu verachten. Es gibt Haarverdichtungsmittel, die mit Fasern arbeiten, die sich ans eigene Haar anlagern (sogenanntes Streuhaar), und ich habe auch schon lichte Stellen mit einem Augenbrauenstift leicht dunkler gefärbt. Und schließlich gibt es viele verschiedene Arten von Haarteilen, Extensions und Perücken. Auch hier würde ich mich von einer vertrauenswürdigen Friseurin beraten lassen.


Info Minoxidil: 

Fast alle Studien mit Minoxidil sind mit einer Konzentration von 5% durchgeführt worden. Das ist die Konzentration, die in Mitteln für Männer angeboten wird. Es bestehen überhaupt keine Bedenken, diese statt der Frauenprodukte mit 2% zu verwenden. Minoxidil wurde zunächst als Blutdrucksenker entwickelt und verlängert die Telogenphase des Haars. Daher kann es am Anfang der Benutzung zum sogenannten Shedding führen, wo vermehrt Haare ausfallen. Ich hatte das nicht, aber es kann passieren. Sollte man eine empfindliche Kopfhaut haben, ist Schaum meist weniger austrocknend als Spray. Bitte auch hier: zunächst die Benutzung mit einer Ärztin absprechen.

Wichtig für Haustierbesitzerinnen: Minoxidil und alle ähnlichen Mittel mit dem gleichen Wirkstoff sind extremst giftig für sowohl Katzen als auch Hunde. Schon der Kontakt mit kleinsten Dosen, zum Beispiel auf dem Kopfkissen, können tödlich enden. 


Zum Weiterlesen und -hören:  

Podcast Meno an Mich: Schöner Schopf (Link Spotify)

Michelle Wong: Rosemary Oil for Hair Loss? (Link Youtube)


Dorit Kobusch-Balk war Redakteurin für medizinische Fachzeitschriften, außerdem tätig in PR und zehn Jahre als Beautybloggerin. Verheiratet, hat in England und China gelebt, reist leidenschaftlich und macht sich gern die Hände schmutzig (gärtnern, backen, töpfern).