Als Schlaf noch zwei Phasen hatte

Sollten wir einfach zweimal schlafen? Ist es vielleicht sogar besser, so zu schlafen wie im Mittelalter und der frühen Neuzeit? Wir werfen einen Blick in die Vergangenheit.

Von Dorit Kobusch-Balk

Im Herbst des Jahres 1393 wacht Helene mitten in der Nacht auf. Sie erhebt sich von dem Strohsack, auf dem sie mit ihrem Mann und den Kindern schläft. Zusammen mit ihrem Mann Friedrich bewirtschaftet sie einen Hof irgendwo in Mitteldeutschland, das Lehen des örtlichen Grafen. Sie hat keine Ahnung, wie spät es ist (die Kirchturmuhr der Kirche hört sie nur bei gutem Wind), aber das Feuer ist nahezu heruntergebrannt, das sie geschürt hat, bevor sie mit Friedrich einige Zeit nach Anbruch der Dunkelheit ins Bett ging. Sie wirft also ein Scheit ins Feuer und kauert sich kurz vor den offenen Kamin, um sich aufzuwärmen, bevor sie den Nachttopf benutzt und den Inhalt draußen auskippt.

Sie hört Friedrich aufstehen, und dann, wie er mit dem Rosenkranz beginnt. Fürs Nachtgebet war er nach einem langen Tag draußen viel zu müde. Zum Nähen und Flicken ist es trotz der Öllampe und des Feuers viel zu dunkel, aber Wolle spinnen – das kann sie auch nahezu blind. Schließlich kommt auch Friedrich ans Feuer. Sie unterhalten sich eine Zeitlang, über all das, wofür während des arbeitsreichen Tags keine Zeit war – über den Hof, die Nachbarn und Friedrichs Schwester, die kürzlich geheiratet hat. Schließlich, wieder schläfrig, gehen sie zusammen ins Bett – wo Friedrich sie näher an sich zieht und nach einigen Küssen eins zum anderen führt. Mit Anbruch der Dämmerung wachen beide auf und der Tag beginnt erneut.  

Das ist eine kurze, fiktionale Beschreibung von etwas, das in der Forschung als ‚biphasischer Schlaf‘ bezeichnet wird. Und offensichtlich im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ganz normal war, bis es in der Industrialisierung zu einer Verschiebung der Schlafgewohnheiten kam.

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